Als ich vor dreißig Jahren von München nach Berlin kam musste ich backmässig umlernen. Vorbei war ´s mit Semmeln, Eiweckerln und Remischen. Mein Bäcker hatte Schrippen und Schusterjungen im Angebot. Enttäuschend war auch das Sortiment aus der Abteilung Konditorei. Unförmige Streusel-
schnecken zierten meinen Kaffeetisch. Die in der Heimat so geliebte (Tarifvertrag hin, Tarifvertrag her) Brotzeit fiel aus. In Berlin wurde malocht !
Als die Befreiung des Proletariats durch die 68er nicht recht zuwege kam, verlegten sich Teile der Bewegung auf die Revolutionierung der Ernährung. Weißmehlerzeugnisse waren von Stund an ungesund. Bei meinem Bäcker tauchten ziegelförmige Laibe aus Vollkornmehl auf.
Es gab nun zum Frühstück auch mal Sechskornbrötchen oder eine Laugenbretzel.
Im Lauf der Jahre ist mit meinem Bäcker die Phantasie durchgegangen und ich komme nicht mehr mit. Jede Woche muss ich neue Vokabeln lernen: nun gibt es Kürbisbrötchen, Kernige, Toskaner, Baguettebrötchen, Kernbeißer, Dinkelbrötchen, Sesam- und Mohnsemmeln, Bayerische!! Tim Melzerbrötchen, WM Brötchen (da droht Ärger mit der FIFA) Kornherz und Kornstange. Brote heißen Schrittmacher Brot, Möhrenbrot, Sojavitallaib, Walnussbrot Kräuterbrot mit und ohne Brennnesseln, wunderbare Vielfalt. Heute abend schmiere ich mir eine Scheibe Hanfbrot mit dick Butter, das ist gut für´s Gemüt.